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Kurzgeschichten
meine ersten Schritte auf dem dünnen Pfad zwischen der deutschen Sprache und der russischen Mentalität...


   Der Opa des Dorfes, 2001
...Der Opa des Dorfes wohnte in einem kleinen Haus am Ende der Toten Straße. Abends saß er auf einer Bank unter dem alten Tor und guckte zum östlichen Horizont hin, wo die Dorffelder zu dunklen Wolken wurden. Opa behauptete, am Horizont gäbe es keine Welt mehr, sondern nur einen Mehlbrei aus Erde und Luft. Ich habe ihm geglaubt. Schließlich war es damals auch so...

   Eine kleine deutsche Geschichte, 2001
...Eine amüsante Geschichte, soweit eine deutsche Geschichte amüsant sein kann. Soweit eine Geschichte mit einem Russen und einer Belgierin in den Hauptrollen als deutsch bezeichnet werden darf...

   Das Licht, 2001
...Die Zeit kommt auf uns zu, bleibt einen Moment lang stehen, damit wir sie sehen, aber auf keinen Fall verstehen können, und rast an uns vorbei. Nach hinten, wo sie auf einmal kleiner und schneller wird wie unter einer Zeit- und Glaslupe...

   Was wir über Schleicher wissen sollten, 2000, 2003, 2005
...Wie bekannt leben Schleicher hauptsächlich in kleinen Herden. Wie schon Professor J. N. Lipskij in seiner berühmten Abhandlung über Schleicher betonte, ist die Benutzung des groben Wortes „Horde“ in Bezug auf diese Wesen nicht wirklich angemessen und zwar aufgrund seiner mangelhaften tonalen Widerspiegelung von Herdenhaftigkeit...

   Liebe unter dem Aprikosenshampoo, 1996, 2004
...Stopp! Was sind das für Bücherstapel im Flur? Wer hat es erlaubt, Erinnerungen in meiner Wohnung liegen zu lassen? Zum 20-sten Lebensjahr wurden unsere Seelen zu großäugigen Kindern, vergewaltigt und auf zerwühltem Schnee sterben gelassen...

   Die personifizierte Analyse der Macht, 2005
...Wenn man aus der Zukunft in die Vergangenheit schaut, ist das nämlich der Ort, an dem ich die Suche nach dem kleinen Bach meiner Einsamkeit anfangen könnte, genau hier wurde er zum See...

   Der Zug aus Birkendorf, 1999, 2005
...Ich erzähle alles so, wie es geschehen ist. Natürlich nicht um die Menschheit zu warnen: Die Vögelein singen hinterm Fenster, die Fische tummeln sich im Brunnen, und meine Mädels machen in der Küche Frühstück – irgendwelche Warnungen interessieren mich hier einen Dreck! Hier, wo ich mich jetzt befinde...

   Im Regen, 2005
...Er war so um die fünfundfünfzig, mit dreckigen Haaren und einer länglichen Glatze. Fett, durchgeschwitzt und total besoffen. Ein echter Penner also, der in diesem oder in einem ähnlichen Döner-Laden jeden Abend seine paar Wodkas mit Bier einsaugte und somit irgendwie den Tag abschloss...

   Der Schriftsteller, 2006
...Ein irgendwo in Europa verlorener Schriftsteller, der sein russisches Märchen in der deutschen Sprache schreibt, weil er seine eigene Sprache inzwischen vergessen hatte. Einer, der, wo es nur möglich ist, Gedankenpunkte setzt – als Platz für das Unbeschreibbare, weil jene Märchen – die traurigsten und die schönsten dieser Welt – natürlich nicht mit einem Kugelschreiber aufs Papier gebracht werden können...

   Rund um die Welt, 2006
...Ich kannte eine Frau. Sie wohnte in dem kleinen Palast ihrer großen Wohnung, in der die vielen Fenster auf einen erträumten Zauberwald schauten. Auf jedem Fensterbrett standen Rosen. Weiß wie der Winter und schwarz wie die Nacht. Rot wie das Feuer und sogar blau – wie ihre leuchtenden grün-blauen Augen...

   Die Flucht von der Deutschen Station, 2006
...Einmal, als ich noch ein Junge von zwölf oder dreizehn Jahren war, bin ich auf den Gedanken gekommen, dass die Welt um mich herum nicht echt ist. Ich habe es nicht aus Büchern rausgelesen – wie ein normales sowjetisches Kind las ich damals die sowjetischen Kinderschriftsteller oder höchstens Astrid Lindgren...

   Das Indiz, 2006
...Irgendwo am Rande des Verstehens ähnelt es dem, wie Grashüpfer im Telefonhörer zirpen. Du wählst eine Nummer, aber aus dem Hörer kommt dir plötzlich nur eine Wattenstille entgegen. Die Nummer ist nicht vergeben. Oder die Leitung ist besetzt. Oder gleich beides. Minus mal Minus macht Plus...

   Angst, 2006
...Tja, das ist das Problem. Wenn alles kacke läuft, hat man Angst vor dem, was gerade passiert. Wenn aber alles mehr oder weniger okay ist, hat man Angst vor dem, was alles noch passieren könnte...

   Ein Herbsttag des Pol Pot, 2006
...Ich frage mich oft, in welcher Sprache ich denke? Ist es überhaupt eine Sprache? Muss man eigentlich wirklich in irgendeiner Sprache denken? Sind denn Gedanken von Natur aus sprachorientiert? Oder doch eher sprachlos?...

 

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