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Michael Schleicher

Ein Herbsttag des Pol Pot


Сегодня...

Nein, das ist Quatsch.

Вчера... Das heißt gestern.

Hm… Ich meine doch сегодня. Also heute. Also noch an dem Tage, in dem ich mich gerade immer noch befinde… Irgendwie bin ich nicht ganz auf dem Posten. Совсем расклеился. Совсем... Nein, das geht so nicht, das muss anders sein. Also: der Bus. Der Herbst. Und ich mittendrin.

Октябрь. Что-то я совсем расклеился. Проклятая осень. Дождь, ветер, вода за воротником. Температура воздуха стремится к нулю. Настроение хлюпает за ним по лужам расплескавшихся снов. Ein Scheißwetter. Сегодня утром, когда я сидел в автобусе, который на своих желтых крыльях уносил меня на работу, за окном мимо моих глаз пролетел золотой лист. В этот бесконечный и неотвратимый, как отходящий поезд, момент я наконец постиг, что пришла еще одна осень. Осень, в которую мне исполнился 31 год. Если бы моя жизнь была октябрем, это был бы ее последний день.

Ich frage mich oft, in welcher Sprache ich denke? Ist es überhaupt eine Sprache? Muss man eigentlich wirklich in irgendeiner Sprache denken? Sind denn Gedanken von Natur aus sprachorientiert? Oder doch eher sprachlos?

Heute morgen. Ja, das war doch heute Morgen. Also сегодня. Da wachte ich aus einem universumdunklen Traum, beziehungsweise einem dunkel schlafenden Universum oder sogar einer universellen Dunkelheit, welche ich als Schlaf empfunden hatte, auf. Die ersten Dinge, die um mich herum erschienen, waren der Reihenfolge nach: eine unmenschliche Kälte im ganzen Körper; der noch weniger menschliche Kopfschmerz (wahrscheinlich im Kopf, obwohl ich ihn zu dem Zeitpunkt noch nicht so genau lokalisieren konnte); der Regen im offenen Fenster; die heruntergefallenen Gardinen auf dem Boden darunter und Herbst in der ganzen Welt. Irgendwie merkte ich dabei sehr schnell und ganz deutlich, dass ich heute am besten hätte gar nicht aufwachen sollen. Somit war es der erste grausame Gedanke, den ich an diesem Tage in meinem Kopf fand. Der erste und zum Teufel noch mal nicht der letzte! Außerdem weiß ich noch ganz genau, dass dieser Gedanke in keine Sprache gefasst war. Er war globaler und umfassender, als jede Sprache. Ungefähr so wie Gott. Oder der Tod. Oder eine Flasche Bier im Kühlschrank…

Aber es ist ja gut. Es ist schon gut. Ich bin schon drin. Wenigstens im Bus, der mich zur Arbeit bringt. Bin schon wieder fast ein Mensch…

Tägliche Kommunikation mit der Welt mittels eines Busses. Zum Glück komme ich zur Arbeit selten pünktlich, immer zu verschiedenen Zeiten. Also sind oft verschiedene Menschen mit mir im Bus. Nur relativ, verständlicherweise. Relativ verschiedene, relativ Menschen.

Ein junges Mädchen mit langen schwarzen Locken und gelben Sportschuhen verfolgt mich von Tag zu Tag und sitzt mir gegenüber unabhängig davon, welchen Bus ich nehme. Nein, das ist kein Schicksal, ich habe schon eine Freundin. Geschweige denn eine Ehefrau.

Heute bin ich ganze zwei Stunden später im Bus, als es für meinen Arbeitgeber okay wäre. Das Mädchen ist auch da. Also kann ich ihr selbst an diesem Tag nicht ausweichen. Wahrscheinlich hatte sie es auch vor.

Nun ja, eigentlich war es mir egal, ist egal, wird irgendwann ganz und gar egal sein. Heute versuchte ich keinem auszuweichen. Bis auf meinen Chef (werde auszuweichen versuchen?). Ich bin bloß zu spät aufgestanden. Und dabei irgendwie doch zu früh aufgewacht.

Ja, jetzt weiß ich ’s wieder. Ich stand auf und suchte zuerst meine Schuhe. Wollte gleich hinunter zum Bus laufen, Idiot. Danach stand ich unter der heißen Dusche. Suchte irgendwann später meine Schuhe weiter. Vergeblich. Dann beschloss ich, ein Baguette in den Ofen zu schieben, öffnete den letzteren und fand darin die Schuhe. „Hab gestern Abend gesoffen“, zog sich in diesem Moment eine logische Schlussfolgerung durch meinen Kopf. Ganz von allein. Wie ein kalter und feuchter Windzug durch ein verlassenes Zimmer.

Danach wachte ich noch ein Mal auf. Dieses Mal schon im Bus. Das junge Mädchen mit den langen schwarzen Locken und gelben Sportschuhen saß vor mir und sah mich an. Чертовски болела голова. Mein armer Kopf…

In ihren Augen bemerkte ich einen Hauch von Mitleid.

Kann sie vielleicht Russisch? Würde sie mich vielleicht verstehen?

Irgendwie sah sie danach aus. Aber trotzdem senkte ich die Augen zu Boden und betrachtete meine eigenen Sportschuhe. Sie waren angebrannt.

„Liebes Mädchen, ты ведь говоришь по-русски? Ты ведь понимаешь, что такое похмелье? Я, конечно, надеюсь, что у самой у тебя еще никогда не было похмелья. Но ведь ты не ненавидишь людей только за то, что иногда они выпивают немножко больше, чем могут? Разве за это можно ненавидеть? Этому можно только сострадать. Du weißt doch, was Mitleid ist? Du liebes unschuldiges Mädchen mit schwarzen Locken und gelben Sportschuhen…“

Das Schweigen bewahrend stieg ich an meiner Haltestelle aus.

Der Regen, der Wind, das Wasser unterm Kragen. Ein Scheißwetter. Ein Scheißtag. Drei Minuten zu Fuß bis zum Gebäude des Arbeitgebers. Das finstere Gesicht des Wachmanns an der Tür. Die Karte mit dem Magnetstreifen rein, die Karte mit dem Magnetstreifen raus. Nur nicht den Wachmann ansehen. Die Treppe nach oben. Mitten im Großraumbüro drei riesige grüne Aquarien mit Piranhas. Schon wieder Wasser. Dieser verdammte Herbst!

„Миша, зайди, пожалуйста, ко мне“, hörte ich plötzlich, bevor ich mich an meinem Tisch hinter dem Monitor verstecken konnte. Natürlich der Chef, wer denn sonst. Seine predigenden Monologe halb auf Russisch, halb auf Englisch habe ich so was von satt! In den Gesprächen mit den Mitarbeitern benutzt er ständig Fremdwörter, von deren Bedeutung er selbst nicht ganz im Klaren ist. Zweifelhafte Englischkenntnisse als Gehirnvergrößerung (-verlängerung?). Einen Porsche hat er ja schon länger.

In welcher Sprache denkt er eigentlich, wenn er allein ist und auf dem Klo sitzt? Falls er das überhaupt tut (das Denken, meine ich). Das wäre eine Frage.

„Миша, хватит испытывать мое терпение“, sagt er, „когда-нибудь оно лопнет... В фирме работает триста человек, если каждый будет испытывать мое терпение, знаешь, что тогда будет?...“

Er war nicht mehr zu stoppen. Solche Unterhaltungen mit ihm waren schon immer so lang gewesen, wie sie langweilig waren. Fast unendlich. Besonders die Stellen, wo er anfing darüber zu sprechen, wie wenig Zeit er hatte. Darüber konnte er stundenlang reden. Ganz im Ernst. Ohne dabei zu merken, wie lustig ich es fand. Normalerweise. Nur nicht heute. Heute war es mir nicht nach Späßen zumute. Heute ging es mir nicht gut. Heute hätte ich ihn am liebsten gleich gekillt. Wenn ich nur Pol Pot wäre, wenn ich nur eine Flinte in einer Tischschublade hätte… Wie schade doch, dass wir nicht in Kambodscha leben.

Ein russischer Chef bei einem russischen Unternehmen mitten in Berlin. Parallele Gesellschaften. Verblödung aus langjährigem mentalen Inzest. Gerade geht es darum, wie gut er in Sachen Personalverwaltung ist. Die ewige Frage: Warum sind Chefs immer blöder als ihre Unterstehenden? Ich kann es nicht mehr hören und schalte ab.

Irgendwann… Irgendwann wird die Menschheit den Herbst mit allesamt Chefs, Großraumbüros, Piranhaaquarien und muffigen Morgenbussen abschaffen. Auf grausamste Weise. Der letzte Gedanke macht mich sogar ein wenig glücklicher.

Irgendwann wird auch das hier überstanden und vorbei sein. Und ich werde, bin, war wieder frei. Werde (bin, war?) raus aus seinem Büro. Endlich an meinem Tisch angekommen (werde noch ankommen?). Computer an. Die Flasche mit dem Karottensaft aus der Schublade raus, die imaginäre Flinte in die Schublade rein.

Im ICQ wimmelt es nur so von Ex-Freundinnen.

Vom Arbeiten – keine Rede, ich versuche bloß die Zeit in Minuten und Stunden zu zerkleinern, um diesen Tag irgendwie zu überleben. Im Kopf – Überreste des gestrigen Abends, im Herzen – ein erschrockener, krampfhaft zuckender Schmetterling. Nichts will ich, gar nichts, außer vielleicht im Bett zu liegen und ein Buch zu lesen. Oder noch besser – fernzusehen. Irgendeine Serie, je blöder desto besser. Einfach an nichts denken, sich im Nichts auflösen, ohne nachzudenken, ohne zu erinnern, ohne sich selbst sinnlos zu verletzten. Ohne zu saufen… Der Schmetterling des Herbstes wächst in mir mit jeder Stunde, mit jedem Oktobertag. Bis er wahnsinnig groß und gewalttätig wird. Liegt das Ganze wirklich nur am Herbst und dem verkaterten Wetter? Und wenn ja, warum bin ich dann im Herbst immer so, wie ich im Herbst bin, und die anderen nicht?

Töte den inneren Schmetterling. Werde frei von dir selbst!

Oder – besser. Globaler. Umfassender –


   Wenn ich Pol Pot wäre,
   Wäre der erste, den ich erschießen ließe,
   Der Herbst.


Noch eine mit Blut und gelben Blättern bedeckte Leiche an der grauen Mauer meiner launischen Fantasie. Noch eine Stunde verstrichen.

Zur Belohnung eine rauchen. Nach unten, in den Regen, mit einem Becher scheußlichen Kaffees. Wieder nach oben. Nur nicht den Wachmann ansehen. Wieder nach unten. Der Herbst der Erkenntnis.

Und trotzdem… Bin wieder da, in meinem Arbeitstag, der mich langsam, aber sicher zum Abend bringt. Bin schon wieder fast ein Mensch… Wie jeder andere Mensch auf der Erde, der in seiner Midlifecrisis den ganzen Tag lang nur ein einziges Wort träumt, das wunderbarste Wort, das man je ausgedacht hat. Feierabend…


* * *

…Als ich heute Morgen im Bus saß, der mich auf seinen gelben Flügeln zur Arbeit brachte, flog hinterm Fenster, an meinen Augen vorbei, ein goldenes Blatt. In diesem unendlichen und unvermeidlichen, wie ein abfahrender Zug, Moment begriff ich endgültig, dass wieder einmal ein Herbst gekommen ist. Ein Herbst, an dem ich 31 wurde. Wenn mein Leben ein Oktober wäre, wäre es sein letzter Tag.

Ich fühle mich irgendwie nicht ganz auf dem Posten. Dieser verdammte Herbst. Der Regen, der Wind, das Wasser unterm Kragen. Die Lufttemperatur strebt nach dem Nullpunkt. Die Laune gluckst durch die Pfützen mit den verschütteten Träumen hinterher. Дерьмовая погода. Ein Scheißwetter. Und der Pol Pot, der ist ja auch schon gestorben…


Herbst 2006

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