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Michael Schleicher

Die Flucht
von der Deutschen Station


Einmal, als ich noch ein Junge von zwölf oder dreizehn Jahren war, bin ich auf den Gedanken gekommen, dass die Welt um mich herum nicht echt ist. Ich habe es nicht aus Büchern rausgelesen – wie ein normales sowjetisches Kind las ich damals die sowjetischen Kinderschriftsteller oder höchstens Astrid Lindgren. Ich hatte es auch nicht von den Erwachsenen – die lebten ihr Leben und ich das meine, unsere Wege kreuzten sich nur beim Abendessen, und beim Essen sollte man sowieso nicht reden, schon gar nicht vom Existenzialismus. Dieser Gedanke ist also allein auf meinem eigenen Mist gewachsen, und nur mir selbst verdanke ich daher die spätere Entwicklung meines Lebens.

Die Welt ist also nicht echt, dachte ich. Um genauer zu sein gibt es sie überhaupt nicht. Alles, was ich sehe, fühle oder rieche, – all das existiert nur in dem winzigen Augenblick, in dem ich es sehe, fühle oder rieche. Ein Haus auf der Strasse gibt es, nur solange ich es in den Augen behalte. Eine Blume duftet, bis ich mich weit genug von ihr entferne, um nicht mehr ihren Duft wahrzunehmen. Die Sonne scheint im Himmel, nur wenn ich die Wärme mit meinen Schultern fühle. Sonst ist sie nicht da. Sonst ist nichts da.

Um mich herum gibt es nur das endlose ewige dunkle Nichts, welches sich zu einem bestimmten Zeitpunkt hin und wieder in Sachen und Menschen verwandelt, welche, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, wieder aufgelöst werden. Das merkt man am ehesten nachts in der Dunkelheit: Man bewegt sich durch einen Raum und bekommt ab und zu etwas in die Hände: mal ist es ein langer donnernder Stock („der Stuhl“), mal eine Ebene mit etwas Weichem drauf („das Bett“), mal eine kalte aufrecht stehende Platte („wahrscheinlich der Kleiderschrank, obwohl es genau so das Babylonische Tor sein könnte, das im Geschichtelehrbuch abgebildet ist“). Die Gegenstände werden ein- und ausgeschaltet, so wie ich selbst sie ein- und ausschalten kann, indem ich mit dem Lichtschalter spiele. Nur mit dem Unterschied, dass das letztere auch eine Illusion ist, denn einmal würde ich das Licht einschalten wollen, den Schalter betätigen und doch immer noch nichts sehen werden. Und es wird nicht nur an der durchgebrannten Glühbirne liegen…

Daraus erfolgte irgendwann ein weiterer Gedankenflug. Wenn die Materie um mich herum nur eine Illusion ist, dann könnte es doch sein, dass ich diese meine Illusion auch selbst formen könne…


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... ... ...

Diese Kurzgeschichte wird gerade überarbeitet

 1975 - ...  by  M_Schleicher & The Schleicher_Farm