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Michael Schleicher

Der Opa des Dorfes


Das war vor zweihundert Jahren. Oder vielleicht vor fünfhundert. Auf jeden Fall war ich damals noch klein.

Der Opa des Dorfes wohnte in einem kleinen Haus am Ende der Toten Straße. Abends saß er auf einer Bank unter dem alten Tor und guckte zum östlichen Horizont hin, wo die Dorffelder zu dunklen Wolken wurden. Opa behauptete, am Horizont gäbe es keine Welt mehr, sondern nur einen Mehlbrei aus Erde und Luft. Ich habe ihm geglaubt. Schließlich war es damals auch so.

Ich war zehn Jahre alt, wohnte mit meiner Familie unterhalb des Hügels, auf dem die kleine leere Kirche stand, mochte in Kohle gebackene Kartoffeln und im kleinen Froschteich im Wald baden, hasste Wölfe, Soldaten, die ständig durchs Land hin und her wanderten, Donnerschläge und Vasilij, den Sohn des blinden Schuhmachers, der gegenüber wohnte. Seit dem letzten Krieg, in dem Soldaten alle Säuglinge im Dorf getötet hatten, war ich der jüngste Bewohner des Dorfes. Und der einzige wahre Freund von dem Opa des Dorfes...

Eines Tages, als wir über Tiere sprachen, sagte er zu mir:

„Katzen sind nicht von diesem Planeten, höchstwahrscheinlich kommen sie vom Mond, oder vielleicht sogar vom Mars.“

„Warum?“ fragte ich.

Und als Beweis dafür zeigte er ganz ernst auf einen dicken weißen Kater, der auf dem Zaun saß und einen Spatz beobachtete:

„Sieh‘ ihn dir nur mal an! So einer kann unmöglich von diesem Planeten kommen!“

Ich zuckte mit den Achseln, lächelte, und wir saßen schweigend weiter, auf der Bank unter dem alten halbeingestürzten Tor. Wir warteten, bis die Sonne untergeht und man die Himmelskörper zu sehen bekommt. Der Kater guckte plötzlich in unsere Richtung, und ich sah seine Augen. Die blauesten und schönsten Augen, die ich je gesehen hatte.

Seit dem Tag habe ich Angst vor Katzen.


* * *

In meinem Kopf dreht sich eine goldene Spirale. Zeit und Erinnerungen verschwinden hinter dem östlichen Horizont. In meinen Händen schwitzt das Blut der Verzweiflung. Angst vor Fleisch, Kindern und alten Leuten. Ich bin das Alpha und das Omega des nicht mehr existierenden Universums. Es bedeutet allerdings nicht, dass ich hier auch der Herr bin. Ein Traum ohne Träumenden, eine Welt ohne Gott. Zu wenig Mut, um Existenz solcher Art zu zerstören, zu viel Phantasie, um so etwas zu ignorieren. Was bleibt?

Mein Leben wird von mir wiederholt. Es war der erste Tag, aber es vergingen Tausende Tage vorher – eine Bank unterm Tor, ein außerirdischer Kater auf dem Zaun, eine Wolke wie ein Segel. Das zwanzigste Jahrhundert, wie es mir jetzt scheint. Ich sah den Himmel und die Dunkelheit hinter dem Weizensee und dachte, es wird immer so bleiben. Das war mein erster Gedanke im Leben, soviel ich mich erinnern kann. Ironischerweise hatte ich sogar Recht. Genau wie bei einer Lotterie, Roulette oder Poker – wenn man zum ersten Mal mitspielt, gewinnt man immer Etwas. Sehr vieles hat sich verändert, und dabei ist alles doch gleich geblieben. Ich lebe ja immer noch. Die erste Windung der Spirale.

Ganz merkwürdig... Ich weiß nicht mehr, was ich im letzten Winter machte. Wo ich war, was für eine Frau ich damals hatte, was ich fühlte. So, als ob ich in diesem Winter gar nicht da gewesen wäre. Als ob ich für ein paar Monate verschwand. Übrigens fällt es mir jetzt ein: An den Herbst davor erinnere ich mich auch nicht. Mehr als das. Ich bin mir nicht mehr sicher, dass ich mich daran überhaupt irgendwann erinnerte. Ich weiß noch ziemlich genau, was im vergangenen Frühling und Sommer passierte, doch davor… davor ist ein Nichts.

Heute verließ ich einen Bücherladen, der bis neun offen hat, und begriff plötzlich, dass wieder mal ein Herbst da war. Es war fast ganz dunkel geworden, Regenwolken zogen über die Schornsteine, Autoscheinwerfer spiegelten sich im Asphalt, und die Luft roch kühl und geheimnisvoll nach etwas, wonach immer der Herbst riecht. Ich fragte mich: wonach riecht eigentlich der Herbst? Nach etwas, was einem scheint, Vergangenheit zu sein, aber nie passiert war? Wenn man so die Vorahnung der Ewigkeit beschreiben kann, dann ja. Heute wurde mir übrigens klar, dass Déjà-vus eine sehr bedeutende Rolle in der Geschichte der Menschheit spielen. Déjà-vus und das Wetter. Die ganze Straße, auf der ich war, sah auf einmal so aus, als ob das eine Straße der Stadt wäre, in die ich in einem Herbst vor dreizehn Jahren umgezogen war. Eine ganz andere Stadt in einem ganz anderen, keinem hier bekannten Land...

So oder so, ich lebe weiter. Langsam vergesse ich das, was ich wusste und konnte und sogar das, was ich einmal selbst war. Wenn ich versuche, mich an die letzten Jahre zu erinnern, sehe ich nur Fragmente von Gesichtern, Händen und Kleidungsstücken der halbbekannten Menschen, mit denen ich zusammen trank, aß und schlief. Einsame Zugpassagiere, Frauen mit Augen erschreckter Rehe, Arbeitskollegen, Verkäufer in Lebensmittelgeschäften, unzufriedene Obdachlose an Bahnhöfen. Ein lebendiger Kreis der nicht lebendigen Wesen meiner Erinnerung. Die goldene Spirale dreht sich immer schneller und spult auf die Achse Jahresringe auf. Im Leerlauf, wie ein Automotor im neutralen Gang.

Es ist wieder ein Herbst da. Nach ihm kommt noch ein Winter, der sich hier vom Herbst nicht unterscheidet. Aber dieses Mal werde ich mich an den Winter erinnern, ich werde nichts mehr vergessen. Denn ich muss das jemandem erzählen (das Erbrochene einer Seele – wie Gedichte!), jemandem, der es wahrscheinlich bald hören möchte.

Ich sitze auf dem Schaukelstuhl vor dem Gemälde des Nachtregens auf meinem Fenster. Auf der Glasscheibe fließt Wasser in Rinnsalen. Die Regenpfade spielen Tic-Tac-Toe und zeichnen auf dem Glas unbekannte und unvollendete Landkarten. Ich sitze ganz leise und beobachte einen weißen Kater, der unten unter dem nassen Sonnendach der Nachbarn einem müden Spatz nachschleicht. Plötzlich guckt der Kater in meine Richtung, und durch den Regen sehe ich wieder seine Augen.


* * *

Der Opa des Dorfes starb im Winter, ich wurde gerade elf. Wir brachten ihn zum Friedhof durch den Märchenwald und den schrecklichen Frost, die miteinander verschmolzen waren und später in der Erinnerung als ein Zeichen des Todes blieben.

Es war einer der kältesten Winter meines Lebens. Der Himmel war klar und durchsichtig wie ein Glassplitter. Die Sonne kroch über dem Horizont um das Dorf herum wie ein Wolf um ein Lagerfeuer. Vögel starben im Fliegen. Riesige erfrorene Kiefern brachen im Winde und fielen auf den Boden. Der weiße Diamantenstaub stieg in die Luft und flog weit weg vom Ort seiner Geburt.

Wir kamen zum Friedhof. Es war eine Waldwiese, über der die Toten aus ihrer Höhe den Raum zwischen Erde und Himmel überwachten. Vier Männer hoben den Sarg mit Opa auf vier frisch gefällte zwei Meter große Maste und befestigten die Konstruktion mit einem Seil. Der Opa des Dorfes stieg ins Land der Toten hinauf.

Wir blieben unten. Frauen weinten und heulten unter den Begrabungsmasten, ohne Tränen zu produzieren, die sich bei dem Wetter sofort zu Eis verwandeln und Schmerz bringen würden. Männer stellten sich in einen Kreis und rauchten Tabak. Nur ich stand irgendwo am Rand der Wiese allein und wusste nicht, was ich nun machen sollte.


* * *

Ich stand irgendwo am Rand der Wiese allein und wusste nicht, was ich nun machen sollte.

"Du siehst traurig aus, Kleiner", hörte ich eine greisenhafte Stimme. "Hast du was?"

"Ja, Opa", sagte ich und wischte das Blut unter der Nase ab. "Meine Finger tun mir weh".

"Ach wirklich? Und wer hat diesmal gewonnen?", fragte er.

Ich zuckte mit den Achseln und sagte:

"Wollen wir zu dir, Opa?"

"Aber natürlich, Kleiner", antwortete er. "Es scheint mir, als ob du ein Weilchen Ruhe bräuchtest ".

Ich nahm seine Eimer mit dem Brunnenwasser, und wir schlugen den Weg zum kleinen Haus in der Toten Straße ein. Wasser schwappte aus einem Eimer auf meine nackten Waden. Es war angenehm und ein bisschen seltsam: nasse, sonnengebräunte Flächen auf der staubbedeckten Haut.

Er hatte ein Radio. Keiner im Dorf hatte ein Radio, nur er. Und keiner im Dorf durfte das Radio mithören, außer mir. Und jenes Mal, nach der Schlägerei mit Vasilij, war es so herrlich trostvoll zum Opa des Dorfes nach Hause zu gehen.


* * *

Als einer meiner Bekannten vor zwei Jahren für immer in die USA gegangen war, blieb mir seine Musiksammlung. Zweihundert Kassetten. Auf den meisten war nichts anderes als uninteressante und uralte Popmusik. Der Bekannte war zwanzig Jahre älter als ich. Aber manche der Kassetten behielt ich bis heute.

"Hotel California"… Ich habe keine Ahnung, wo ich den Song zum ersten Mal gehört hatte. Und ich kann heute meine Gefühle von damals, als ich eine der alten Kassetten in den Recorder gesteckt hatte und diesen Song entdeckte, nicht mehr beschreiben. Dies umso mehr, als ich mit der Sprache des neuen Landes, in dem ich jetzt lebe, überhaupt noch viel zu wenig beschreiben kann. Mit meiner neuen Sprache auf Krücken. Neulich warf ich nämlich das Letzte weg, was mich mit meinem Land verband – die Sprache, die ich als Kind gesprochen hatte.

"Hotel California". Zunächst dachte ich, ich wäre dem Song zum ersten Mal in der großen Stadt begegnet, in die ich vor dreizehn Jahren (ein Jahr nach dem Tod des Opas des Dorfes) umgezogen war. Oder um es genauer zu sagen, von Zuhause weggelaufen. Die Regenbogentürme hoch über den zwölfstöckigen Häusern, das Schloss des Drachens auf dem Sanduhrplatz, die Hippieversammlungen, die in meinem Leben oft einflussreiche Rollen spielten. Ich ließ mir die Haare rasieren. Auf der Mitte des Kopfes blieb nur ein langer Kamm, den ich mit Gel befestigte. Ich war dreizehn, schrieb Gedichte, wohnte bei einer alten Frau, die Gemüse verkaufte, und man nannte mich Tschertjonok – das Teufelchen.

Ich hatte sehr viele Freunde, deren Namen ich längst in der Dunkelheit verlor. Ich lernte von ihnen, wie man Gitarre spielt und Wodka trinkt, worin sich der Jambus vom Trochäus unterscheidet und wie man mit dem Zug am sichersten schwarzfährt; was eine Überdosis ist und wer "A Yellow Submarine" geschrieben hatte; warum sich Planeten um die Sonne drehen und wie man nachts (falls keine Bullen in der Nähe sind) auf den Fernsehturm hinauf schleichen kann, der einmal eines der größten Gebäude der Welt werden sollte, doch nie fertig gebaut wurde. Der Fernsehturm wurde aufgegeben, weil man während des Bauens entdeckt hatte, dass der Untergrund nicht fest war und der Turm in ein paar Jahren auf das Zirkusgebäude stürzen würde, welches daneben stand. Ich saß auf dem Geländer der Aussichtsplattform in dreihundert Metern Höhe, rauchte einen Joint mit Hasch aus den warmen südlichen Ländern, wo ich nie gewesen war und wo ich nie sein werde, und meine Füße traten auf die leuchtenden Sternbilder von Straßen und Plätzen, die schwarzen Löcher der Parks, die Milchstraßen der Autobahnen in der weiten Ferne. Ich war der Herr und Gott. Die Stadt war ein Traum und ich war der Träumende.

Ich dachte, ich hörte den Song dort. Es war aber nicht so. Die Großstadtträume wurden von der anderen, moderneren Musik unterstützt. Wenn ich jetzt an den Song denke, sehe ich verschneite Felder und fallende Bäume und – eine dunkle Wand aus Erde und Luft am Horizont. Und schwarze Häuser unterhalb des Hügels mit einer im Krieg zerstörten Kirche. Ich verstehe wenig auf Englisch, aber es ist egal, worum es in dem Song geht – ich habe ein eigenes „Hotel California“, das nur für mich da ist. Ich sehe schmale Finger eines verträumten Kindes, Regler am alten Radio drehend.

Oder scheint es mir nur so, als ob ich es sehen würde?...

Auf jeden Fall hatte ich den Song noch gehört, bevor ich in die große Stadt umzog, bevor der Opa des Dorfes starb und bevor ich verstehen konnte, dass es nur ein Lied von den "Eagles" ist, eins von den vielen, die im Jahr meiner Geburt in Amerika geschrieben wurden.

Er hatte ja ein Radio. Mit einem Tuner sogar.


* * *

Die Zeit ist ein Fluss, und wir sind im Boot. Jener Fluss der Zeit, in dem wir mit jenem Boot fahren, welches von Anfang an keine Ruder hat. Vielleicht werden wir uns einmal die Ruder beschaffen, aber höchstwahrscheinlich passiert das nie. Denn dafür muss uns der Fluss zum Ufer bringen, wo wir für einen Augenblick in die Ewigkeit aussteigen könnten, um einen Baum zu fällen. Heißt aber das Aussteigen in die Ewigkeit nicht eher sterben? Vielleicht steigen wir dann alle nach dem Tod an verschiedenen Haltestellen aus und machen uns ans Abholzen des Waldes. Wenn ich mir nur für einen Moment dieses gemeinsame Sibirien mit Äxten und Sägen vorstelle, fange ich an zu lachen. Genau das ist also die wirkliche Hölle! Das ewige Herstellen von Rudern fürs Boot, welches schon längst fort ist...

Der Fluss bewegt sich seine Wege entlang, genau so wie mein Gedächtnis. Und ich weiß nicht immer, wann mir dies oder jenes passierte. Manchmal weiß ich nicht einmal, ob selbst das, was passierte, tatsächlich passierte. Vielleicht sah ich nie die Dorffelder, die am Horizont zu dunklen Wolken wurden, und vielleicht wurde ich in der Wirklichkeit genau dort geboren, wo ich auch jetzt lebe. In derselben Straße sogar, ein paar Häuser weiter. Im Haus, in dessen Tür gerade ein dicker Schlosser mit einem Schifferbart einen Döner isst. Vielleicht ist das die echte Wahrheit, oder vielleicht doch das, worüber ich schon die ganze Zeit schreibe. Vielleicht aber weder dies noch jenes und die Wahrheit ist etwas ganz anderes, was ich nicht mehr kennen lernen werde. Es ist ja ziemlich lange her. Es war vor zweihundert Jahren. Oder vielleicht vor fünfhundert...


* * *

Ich sah ihn am Ende der Allee auf einer Bank sitzen. Im Zentrum der Stadt, eine Minute von der Wohnung eines meiner Freunde entfernt, in der ich an dem Abend meinen fünfzehnten Geburtstag feiern sollte. Ich kam näher und sagte „Hallo“. Er antwortete mit einem Lächeln und drückte mir die Hand. Wir kauften im Kiosk zwei Flaschen „Molotovcoktail“ (Wodka mit Bier und Zitronensaft) und gingen in den Park. Wir unterhielten uns eine Stunde lang auf der Brücke über dem zugefrorenen Stadtkanal. Es schneite, die großen weichen Schneeflocken umkreisten uns und verdeckten die Stadt ringsum, als wollten sie für uns eine kleine geheime Welt schaffen, mit dem Wind von Nirgendwo und mit dem Sein ins Nichts.

Er wollte wissen, was in dem Dorf nach seinem Tod geschehen war und was ich all die Jahre gemacht hatte, ich erkundigte mich danach, wie die Dorfbewohner vor meiner Geburt gelebt hatten und ob er auch mit dem Zug fahren mag. Er verlor ein paar Worte über das Land der zehn eiskalten Winde, in dem er seit vier Jahren lebte. Wir sind eben beide nicht sehr gesprächig.

Langsam gingen wir zur Straßenbahn, es fing an zu regnen, und die spitzen Dächer angelten aus dem Himmel die letzten goldenen Tropfen der hinter das Horizont strömten Sonne heraus. Er überquerte die Straßenbahnschienen als Erster, und ich blieb auf der anderen Seite. Zwischen uns fuhr ganz langsam eine lange Tram auf hohen Rädern. Ich setzte mich auf die Straßenkante und sah seine Füße im Daumenkino der schimmernden Räder. Die Tram fuhr und fuhr, die Glasscheiben dröhnten, die Räder erzählten von südlichen Ländern und von einem langen Weg. Vielleicht wollten sie damit jemandem ihre Gefühle und ihre Einsamkeit übergeben, um Freiraum für neue Gefühle und neue Einsamkeit zu schaffen. Und vielleicht war ich derjenige, der sie damals übernahm. Als die Tram endlich weg war, stand hinter den Gleisen immer noch ein Mensch. Aber das war nicht mehr er, sondern ein Mädchen, ungefähr 14 Jahre alt. Es war ziemlich kalt an dem Abend, und das Mädchen hatte keine Handschuhe. Ich gab ihr meine.

Sie kam aus einer reichen Familie, war auf dem „Business College“, hatte braune Haare und riesige Augen, mochte Kiwis, war wunderschön und hatte ihre Handschuhe gerade in der Tram liegen lassen.

Zu meinem Freund kamen wir zu zweit und feierten meinen Geburtstag zusammen. In der Nacht hatte ich meine erste Frau und sie ihren ersten Mann.

Wir waren fünf Jahre zusammen. Am Anfang trafen wir uns in meinem Zimmer in der Hütte der alten Frau, die Gemüse verkaufte, in den Wohnungen meiner Freunde, oder in dem großen und teueren (Art Nouveau Stil) Haus ihrer Eltern, wenn die abends ausgingen. Später, als ich anfing Geld zu verdienen und die Frisur wechselte, mieteten wir eine eigene Wohnung. Ihre Eltern starben bei einem Flugzeugabsturz. Sie lernte, studierte danach an der Uni, ich fuhr geschäftlich weg und kehrte wieder zurück. Manchmal blieb sie wochenlang allein und, wenn ich nach Hause kam und sagte, dass ich wieder eine neue Frau kennen gelernt hatte, weinte sie und wollte nie wieder mit mir sprechen, fast eine ganze Nacht lang. Ich konnte nicht lügen. Und bedauerlicherweise konnte ich ihr nicht erklären, dass ich, je mehr andere Frauen ich kennen lernte, umso stärker sie allein liebte.

Einmal kam ich nach Hause, und sie war nicht mehr da. Ich hörte auf zu schlafen, ich suchte sie in der Stadt, aber die Stadt war viel zu groß, um sie dort ein zweites Mal zu finden. Ich gab Anzeigen bei allen Zeitungen auf, ich ging überall hin, wo wir zusammen hingegangen waren, aber sie war für immer verschwunden. An dem Tag, an dem ich dies begriff, sah ich den Opa des Dorfes. Er saß auf dem Baum gegenüber unserem Küchenfenster und guckte in den Himmel. Ich entschied mich, aus der Stadt wegzufahren. Und ich fuhr weg für immer.

Danach wurde ich anders. Es scheint, als ob manche Farben in mir in die grauen Töne verschoben wurden. Und außerdem wusste ich nicht mehr genau, ob mein Ich danach dasselbe Ich war wie zuvor. Ob das Leben, an das ich mich erinnerte, mir auch gehört hatte.


* * *

Ein grüner Zug „Sibirien – Europa“, der an drei Kindern in karierten Hemden vorbeirast. Die Kinder am Damm springen hoch und winken dem Zug. Die phlegmatischen Kühe grasen neben an und schauen sich die Kinder und den donnernden Metallschlauch stumpf an. Der Zug wird in der Kurve langsamer, so, als ob er einen Blick zurückwerfen und versuchen würde, im Nebel nachzusehen, ob alle Wagons hinter ihm mitkommen. Er sieht nichts in dem nassen Mehlbrei und rast weiter, nie wieder zurückblickend. Vorbei an den Klecksen der Hütten und einer Kirchenruine, an dem kilometerlangen Müllabladeplatz, über dem all die traurigsten Winde der Welt kreisen, an den matten Morgenlichtern einer großen noch schlafenden Stadt, an dem Uralgebirge mit trockenen Steinglatzen über den vernachlässigten Haaren des Kieferwaldes, an dem hell erleuchteten Hotel „California“ und an einem langen, langen See unter schwarzen Tannenhügeln, der einige Minuten lang neben dem Zug läuft und danach erschöpft ist, stehen bleibt und verschwindet, ohne etwas zurückzulassen, außer Traurigkeit eines nicht entdeckten Wunders. Genauso verschwindet im Nebel der Zug selbst, um nie wieder denselben Weg fahren zu können.

Das ist die Geschichte eines Jungen, der sie mir eines Tages erzählte. Ein Junge, der wusste, wie alles endet. Ich hatte immer das Gefühl, dass er einfach alles wusste. Er hatte auch Angst vor Katzen (der Nachbarkater hinter meinem Fenster springt auf den Spatz zu, rutscht auf dem nassen Boden aus und landet daneben. Der Spatz fliegt fort. Der Kater guckt enttäuscht hoch und sieht im Fenster mich. So ein Scheiß, denkt er...).

Nein, ich war nicht der junge Landstreicher, der an der Post am Ende der Welt eine Prostituierte kaufte. Und ich war kein Gedichte schreibender Geschäftsmann, der von Hotel zu Hotel mit dem grünen Zug fuhr. Die Stadtschilder in seinen staubigen Fenstern und die Passagiere in den Abteilen wurden ständig ausgetauscht – die zerknüllte und feuchte Bettwäsche war immer dieselbe. Die Eisenräder klopften auf die Gleise und zerhackten lange Nächte zu einer Skala der ewigen Reise aus dem für immer verlorenen Punkt „A“.

In dem Zug fuhr nicht ich. Das war der kleine Junge, der einmal auf meinem Schoss lag, die Sterne im schwarzen Himmelssee anstarrte und von einer großen Stadt träumte, die er noch nie gesehen hatte. Ein Dorf im Zentrum des Universums. Ein Sommer. Eine Nacht. Die Sterne über dem Kopf und die Glocke des Flusses. Eine Kindheit. Manchmal denke ich, der Junge ist mit seinen Eltern zum Mond oder zum Mars umgezogen und seitdem erhalte ich keine Nachrichten von ihm. Aber es ist nicht wahr. Er wohnt immer noch dort, wo ich ihn zum letzten Mal sah. Oder sogar dort, wo ich ihn manchmal noch sehe. Auf den Straßen, zu Hause, hinter dem Fenster einer vorbei fahrenden Tram. Wer weiß: vielleicht bin ich er, oder er ist ich? Oder wir beide sind jemand anders, ein Dritter, den wir beide nie gekannt hatten und nie kennen lernen würden…?

Wie dem auch sei. Was mir bleibt, ist die Hoffnung, dass wir uns trotzdem noch einmal wieder treffen werden. Unter dem alten halbeingestürzten Tor, auf der Bank mit der Aussicht auf den Weizensee. Irgendwo in der Mitte oder am Ende des schwarzen, unendlich schwarzen Universums. Und einer von uns wird dann wieder er sein. Der Opa des Dorfes.

2001

 1975 - ...  by  M_Schleicher & The Schleicher_Farm