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Michael Schleicher

Das Indiz
(Notizen auf losen Blättern)

Sehr geehrter Herr Oberkommissar Stolz,

es geht um die Sache Mord und Selbstmord in der Nachtwächterstraße. Dem Schreiben lege ich eine Kopie der Blätter bei, welche wir in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli in der Wohnung von A.B. gefunden haben und welche offensichtlich eine Art Tagebuch des Mörders darstellen und somit auch ein krankhaftes Geständnis beinhalten. Ich habe mir erlaubt, die Blätter in die meines Wissens richtige Reihenfolge zu bringen, obwohl sie, angeblich von dem Autor selbst, durchnummeriert waren. Da ich aber fest davon überzeugt bin, dass der Mörder in seinen letzten Tagen nicht ganz bei Verstand gewesen ist, halte ich es für nötig, den Tatsachen ins Auge zu blicken und das Geschehene emotionslos zu rekonstruieren. Man sollte dabei auch nicht ausschließen, dass die Überschriften der Blätter einen gewissen Code darstellen können, bzw. eine Art Puzzle, das ich glaube mit der neuen Reihenfolge der Blätter zusammengestellt zu haben. Dies bitte ich Sie im Laufe der weiteren Ermittlungen in Kenntnis zu nehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Polizeikommissar Holz, Bezirk Charlottenburg, Berlin

Blatt 2
Meine Freundin und ihre Wohnung

Meine Freundin träumt oft von dieser Wohnung: im zweiten Obergeschoss eines Altbaus mit hohen Decken und mit Fenstern, welche auf einen großen grünen Hof hinausschauen. Die Wohnung hat drei Zimmer, eine riesige Küche mit einem Glaskeramik-Elektroherd und ein Bad in blauen Tönen. Die Möbel in den Zimmern sind weder modern noch teuer, manches davon ist sogar alt und abgenutzt, und auf den ersten Blick passen die Möbelstücke überhaupt nicht zueinander. Aber sie stehen hier so schon sehr lange und wurden inzwischen eins: mit der Wohnung und anscheinend auch mit meiner Freundin, die von ihnen träumt. Jedes Möbelstück in den Räumen und jede Diele des Fußbodens ist ihr seit Jahren vertraut, sie liebt jedes davon einzeln und vor allem alle zusammen. In der Realität hat sie die Wohnung natürlich nie gesehen und weiß nicht, was das Ganze bedeutet. Sie weiß nur, dass sie in dieser Wohnung glücklich ist.

Manchmal wacht sie bei mir mitten in der Nacht auf, schnappt mit ihrer schweißnassen Hand nach der meinen und weint.

„Ich will nach Hause“, sagt sie.

Jedes Mal schrecke ich zunächst auf, überlege im raschen Tempo, was ich falsch gemacht haben soll, und verstehe erst einige Sekunden später, dass es gerade um ein ganz anderes Zuhause geht.

Ich weiß auch nicht, was das Ganze bedeutet, aber mir erscheint es irgendwie bekannt.


Blatt 8
Meine Wohnung und meine Träume

Meine drei Zimmer werden mir immer unangenehmer. Verstaubte Blumen an den Fenstern, helle Rechtecke an den Wänden dort, wo früher Fotos von meiner Exfrau hingen. Auch der Nachbar von oben kommt mir irgendwie komisch vor. Ich habe manchmal so ein Gefühl, dass er gewalttätig ist. Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und höre seltsame Geräusche aus seiner Wohnung. „Ob ich die Polizei rufen soll?“ denke ich. Aber ich mag keine Polizei. Keine gewalttätigen Menschen. Sie wecken mich auf und lenken mich von meinen Träumen ab. Dann kann auch meine Freundin nicht mehr schlafen. Sie hat Angst.

Sie hat viele Ängste. Vor der Sommerhitze, vor vielen Menschen, vor fremden Städten, vor dem Nachbarn. Manchmal auch vor Träumen. Manchmal auch vor meinen Träumen. Aber ich weiß, dass das vielleicht das einzige ist, wovor sie keine Angst haben muss, denn meine Träume sind harmloser, als jeder Nachbar.


Blatt 12
Die Träume und der Weg aus der Stille

Seitdem ich sie kennen gelernt hatte, fing ich wieder an, mich an meine Träume zu erinnern. Ich hatte fast vergessen, wie schön es ist. Bis vor Kurzem war ich nur eingeschlafen und nach einer schwarzäugigen Weile wieder aufgewacht. Im Kopf blieben Stücke und Fetzen von dem Stoff, aus dem Träume gemacht werden. Nicht aber die Träume selbst. Und jetzt kommen sie wieder...

Alles wiederholt sich. Sogar meine Gedanken auf den Blättern wiederholen sich in ihren Überschriften. Ein Wortwalzer in der Galerie meines Gedächtnisses. Wiederholenswert wie eine Reise nach Sibirien. Genau so wiederholt sich jetzt meine Liebe zu diesem Mädchen, welches ich erst seit zwei Monaten kenne. Als ob ich das Leben jedes Mal von vorne beginne, wenn ich morgens aufwache und das auf den Kissen verschüttete Feuer ihrer rotgefärbten Haare vor meiner Nase sehe.

Ja, ich liebe sie. Das klingt ganz einfach, ist aber in Wirklichkeit wie eine gewaltige dauerhafte Explosion. Eine Explosion in der Stille meines bisher ruhigen Lebens, welches mich letztendlich auf diesen Schauplatz der Liebe führte. Ich liebe. Aber nicht so, wie ich andere Frauen geliebt hatte. Ich habe ein seltsames Gefühl, sie schon immer geliebt zu haben. Als ob ich von Anfang an wusste, dass ich sie einmal treffen würde. Als wäre alles zuvor nur ein Präludium. Eine Probe.

Und ja, wir werden zusammenziehen. Und das ist der schönste Traum, den man haben kann. Denn ich erinnere mich jetzt plötzlich nicht nur an die Träume der letzten zwei Monate, sondern auch an die Träume meiner Kindheit, wie merkwürdig es auch sein mag.

Und darin sehe ich sie – meine jetzige Freundin.


Blatt 3
Die Stille und die richtigen Plätze

Irgendwo am Rande des Verstehens ähnelt es dem, wie Grashüpfer im Telefonhörer zirpen. Du wählst eine Nummer, aber aus dem Hörer kommt dir plötzlich nur eine Wattenstille entgegen. Die Nummer ist nicht vergeben. Oder die Leitung ist besetzt. Oder gleich beides. Minus mal Minus macht Plus. Du drückst den Hörer ganz fest ans Ohr und hörst dem Nichts unaufhörlich zu. Und die Stille kriecht aus dem Telefon heraus und wickelt dich ein wie eine warme Steppdecke, wie eine Nacht im Freien. Bis du irgendwann anfängst Geräusche zu erkennen, ganz weit, fast hinter der Grenze des Hörbaren, als würden sie aus einer Ferne kommen, die mit den irdischen Fernen nichts gemeinsam hat. Die Räume um dich herum lösen sich in einem Zwielicht auf, ein kleiner Windzug geht durch dein Herz.

Dann hörst du sie zirpen…

Wenn man sich vorstellt, das wäre ein Traum, käme alles auf die richtigen Plätze. Es gliche dann den Träumen meiner Freundin. Ein ständiges Déjà-vu mit Folgen, versteckt in der Box der Irrealität.


Blatt 6
Die Plätze der Kindheit

Meine erste große Liebe war sechs. Oder etwa fünf? Ich weiß es nicht mehr genau, weil ich selbst damals sechs oder fünf war. Sie hieß Ira. Und Irina. Und Irinka. Oder sogar Irotschka, wenn man’s unbedingt will. Das ist das gute an den russischen Namen: Sie haben viele Variationen.

Wir waren in derselben Kindergartengruppe. Sie hatte das Gesicht eines Engels und war schlank wie ein kleines Model. Nach den deutschen Parametern wäre sie vielleicht sogar zu fragil und dünn, aber das waren wir damals fast alle: Wir Kinder der Sowjetunion kannten keine Mc Donald’s, Curry Wurst mit Pommes und Essstörungen. Irina war schlank und zerbrechlich, dafür aber auch die schnellste, was das Laufen im Sportunterricht anging. Stopp. Es war schon ein wenig später…

Mit jedem angefangenen Jahr in der Schule glich sie immer mehr einer graziösen Katze mit Atem verschlagenden Bewegungen und wurde mit jedem Jahr immer schöner. Die Jungs aus den höheren Klassen sprachen sie in den Pausen an. Alle unsere Eltern wussten, wer in der Klasse das schönste und begabteste Mädchen ist. Tja, letztendlich wusste es die ganze Schule: Iras Portrait hing am Schuleingang auf der Ehrentafel. Sie wusste es sogar selbst.

Aber das coolste daran war, dass ihr die älteren Jungs ganz gleich waren und dass sie nur mit mir befreundet war. Allerdings hätte ich es vielleicht ein paar Jahre später als cool empfunden. Damals war es einfach selbstverständlich. Warum? Wahrscheinlich weil wir uns unser ganzes Leben lang gekannt hatten. Wir waren im selben Krankenhaus am selben Tag geboren worden. Wir wohnten in einem Haus, gingen morgens in dieselbe Schule und spielten zusammen im Wald, der damals direkt hinter unserem Haus stand. Wir waren nicht mal beleidigt, wenn wir als Braut und Bräutigam gerufen wurden. Es war auch selbstverständlich, wie Regen im Herbst und Schnee im Winter. Ich war ihr platonischer Beschützer. Und sie – sie war mein Engel aus Fleisch und Blut. Der schnellste Engel in der Schule.

Bis wir einmal zwölf wurden…


Blatt 10
Kinder: Jungs und Mädchen

Wir waren klein und spielten merkwürdige Spiele. Zum Beispiel steckten wir Papier in die Briefkästen der Nachbarn und zündeten es an. Zusammen mit der Post, die sich da drinnen befand. Das fanden wir lustig. Wir verbrannten fremdes Leben in den liebevoll verpackten Briefen und ließen nichts als Asche zurück. Als ob wir Fremdes gegen Eigenes tauschten...

Wenn meine Freundin und ich die kleine Welt meiner großen Wohnung verlassen, was bleibt dann in diesem Haus nach uns? Vielleicht sollten wir ein paar hässliche Kakteen in Töpfen kaufen und sie im Treppenhaus aufstellen? Oder diese beschriebenen Blätter in den Briefkasten des Nachbarn von oben stecken, damit er auch ein wenig Spaß hat?

Wie damals, als wir Kinder waren und Fremdes gegen Eigenes tauschten.

Nur nicht so auffällig.


Blatt 5
Das Mädchen am Potsdamer Platz

Gestern Nacht träumte meine Freundin von einer seltsamen Begegnung. Sie war allein am Potsdamer Platz und es war Winter. Der Platz war mit Schnee verschüttet und hell beleuchtet. Nicht wie er nachts von den Laternen und Hochhäusern oder tagsüber von der Sonne beleuchtet wird. Seltsames künstliches Licht floss aus allen Richtungen zugleich, als ob der Himmel selbst wie eine Halogenlampe geleuchtet hätte.

Der Potsdamer Platz war leer. Nur die großen flauschigen Schneeflocken hingen leise in der Luft. Am Gebäude der Deutschen Bahn stand ein kleines Mädchen mit weißen Flügeln und hielt in den Händen einen Schlüssel.

„Das ist der Schlüssel zu deiner Wohnung“, sagte das Mädchen und streckte die Arme zu meiner Freundin. Es sprach nicht laut, ja, es flüsterte sogar fast, aber die zarte Stimme des Mädchens klang so nah, als wäre der ganze Platz nicht größer als mein Schlafzimmer.

Meine Freundin überquerte den Potsdamer Platz. Die Schneeflocken in der Luft klirrten sachte und wichen vor ihr zurück. Sie kam näher und nahm dem Mädchen den Schlüssel aus den Händen. Beide schwiegen. An den Wänden der Hochhäuser hallten noch eine Zeit lang die Geräusche der Schritte wider. Vielleicht war es das Echo der Schritte meiner Freundin, vielleicht aber auch jemand anderes. Die zauberhaft klirrenden Schneeflocken hingen immer noch über den Steinen des Potsdamer Platzes und drehten sich allmählich um ihre Achsen…

„Das kleine Mädchen im Traum guckte mich die ganze Zeit so süß an“, sagte meine Freundin zu mir, als wir in der Küche Kaffee kochten. „Guckte und lächelte wie eine kleine Sonneblume… Und dann ist es plötzlich weggerannt. So schnell, dass ich nicht einmal merkte, in welche Richtung…“ Meine Freundin setzte sich an den Tisch neben mich. „Weißt du was?“ Sagte sie, „Ich glaube, dieses Mädchen war ich selbst. Als ich noch klein war und keine Ängste hatte“.

Sie drückte ihre Lippen an meinen Oberarm und schwieg.

Doch ich wusste ganz genau, dass sie dieses Mal Unrecht hatte. Denn ich kannte nur einen Engel, der so schnell laufen konnte.


Blatt 7
Ein Platz unter den fremden Bildern

Seitdem bin ich zig Mal umgezogen: mal auf die andere Straßenseite, mal auf einen anderen Kontinent. Ich habe gehungert und geprasst, war glücklich und reich, unglücklich und arm, war hier und dort, hab dies und jenes gemacht. Und letztendlich das geworden, was ich bin.

Das Leben jedes Menschen lässt sich somit in ein paar kurze Zeilen unterbringen. Höchstens auf ein paar Blätter. Eine Ausstellung von Bildern, auf denen bloß Buchstaben stehen. In einer unendlichen Galerie, deren Korridore sich ständig kreuzen und denjenigen, der diesen grotesken Wortwalzer tanzt, wieder und wieder an den Anfang bringen...

Ich zog immer wieder um. Mein Leben wiederholte sich mehrmals. Die Kreise der Wiederholungen wurden mit den Jahren immer enger. Was erreichte ich mit jedem Kreis? Wo blieben all die Jahre? Was war ich? Wozu war ich? Ich lief meinem Leben mit offenen Armen entgegen, ich wollte es hören und sehen. Aber meine Augen waren verschlossen und meine Ohren – taub. Ich sah es nicht und ich fühlte es nicht. Aber warum denke ich dann, dass es mich gab?

Manchmal rufe ich immer noch Irina an: Ich habe die alte Telefonnummer von ihr. Es ist so, als rufe man seine eigene Kindheit an. Bloß gibt es am anderen Ende der Leitung keinen, der antworten könnte.


Blatt 9
Bilder im Kopf und Grashüpfer in Kasachstan

Bilder im Kopf und Bilder außerhalb – sind sie alles, was wir sind? Ist es alles, woraus wir bestehen? Oder sind wir doch mehr? Sind wir das, was drinnen ist – oder draußen? Bin ich bloß ich, den ich selbst kenne, oder eine Zusammensetzung aus mehreren Personen, die ich nie kennen lernen werde? All die existenzialistischen Fragen kreisen herum und werden zu Bildern. Im Kopf und außerhalb. Die Fragen, die kommen und gehen. Aber es gibt eine andere Frage, welche fast immer bei mir bleibt. Die Frage, die mir lieber und wichtiger ist, als der ganze Existenzialismus von Camus und Sartre. Ein Kommunikationsgebiet, ein Ort, eine Stelle im Kopf, an das, den oder die ich seit Jahren denken muss. Die Frage, auf die ich immer wieder keine Antwort finde. Was ist in Wirklichkeit das, was sich am anderen Ende des Telefonkabels befindet, zu dem ich manchmal angeschlossen werde. Zum Beispiel dann, wenn ich versuche Irina anzurufen.

Ist es eine Wohnung? Ein Haus? Jene Telefonzelle vielleicht, die an dem Haus stand, in dem wir damals gewohnt hatten? Oder endet das Kabel womöglich mitten in einer nächtlichen kasachischen Steppe, welche mit hohem nie gemähtem Gras bewachsen ist, – und die riesigen grünen Grashüpfer sehen daraus zum Himmel empor und singen ihre seltsamen kasachischen Lieder unter den entsetzlichen zottigen Sternen?


Blatt 4
Die Grashüpfer in meiner Wohnung

Ich traf heute wieder einmal meinen russischen Nachbarn auf der Treppe. Diesmal mit einer Frau. Er sieht immer wahnsinniger aus, der arme. Ihm ähnelt gewissermaßen meine Wohnung: groß, leer und verlassen. Ob ich sie irgendwann selbst auch verlassen werde? Manchmal habe ich Angst, dass ich hier nie wieder weg komme. Ich hatte hier mit meiner Exfrau gelebt und wollte, nach dem sie gegangen war, ein paar Mal ernsthaft ausziehen. In eine kleinere Wohnung, die nicht so leer und verlassen wäre. Aber damals hatte ich es nie geschafft, wenigstens im Internet nach Wohnungen zu suchen. Ob ich es dieses Mal schaffe?

Die Grashüpfer zirpen im Kopf, lassen mich nie allein, und ich habe wieder das Gefühl, mein Leben bleibt ruhig und depressiv zugleich – wie vor Jahren.


Blatt 11
Die Wohnung noch ein Mal

Verrückt: Wir beide haben heute Nacht denselben Traum geträumt. Natürlich war es diese Wohnung, was denn sonst! Wenn uns heute im Schlaf ein Psycho-Traumaufseher mit Hunderten von zu einem Computer angeschlossenen Kopfsensoren beobachtet hätte, hätte er uns morgens bestimmt gesagt, dass wir den Traum auch gleichzeitig gesehen haben. Aber der Traumaufseher war nicht da. Wie dumm von ihm!

Sie ist wirklich schön. Jetzt verstehe ich, warum meine Freundin sie so liebt. Ruhiges Haus, helle Zimmer, das Bad in blauen Tönen – was will man mehr? Die alten Möbelstücke, die nach Tolstoi und Frieden riechen. Mir ist nicht sofort im Traum, sondern erst später eingefallen, dass einige davon aus der alten Wohnung meiner Eltern stammen, in der ich als Kind gewohnt hatte. Alles so, wie es meine Freundin schon hundertmal gesehen hatte.

Bis auf eines.

Hinter den Fenstern war nicht der große grüne Hof, sondern ein Nichts. Oder um genauer zu sein, dachten wir zuerst, da sei nichts. Wir standen Hand in Hand am Fenster, drückten unsere Stirne an die vom Atem angelaufene Glasscheibe und guckten in die bodenlose Schwärze. Und als unsere Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten (falls man von Lichtverhältnissen in einem Traum sprechen kann), erkannten wir das unendliche Feld da unten, das sich bis zum Horizont hin erstreckte. Und wir sahen das hohe kasachische Gras unter dem gehörnten Mond. Wir standen am Fenster und hörten die Ferne zirpen, und es schien mir, das Zirpen käme nicht mehr nur von unten, sondern gleich von überall.

Die Zeit war stehen geblieben, und wir hingen in dem kleinen Augenblick der Ewigkeit über der kasachischen Steppe, dem Grashüpfermond und dem Tod.

Bis wir gleichzeitig aufgewacht sind…

Was soll’s. Nach dieser Nacht bleibt mir einfach nichts anderes übrig. Ich muss es endlich tun. Ich will es tun. Alles andere wäre inzwischen absurd.


Blatt 1
Noch ein Mal lesen

Irina starb, als wir beide zwölf geworden waren. Es war kein Mord, kein Krieg und keine Naturkatastrophe, welche sie damals so gefürchtet hatte. Ein blöder Autounfall. Die meisten vorzeitig sterbenden Menschen sterben durch Autounfälle. Einen Tag nach unserem gemeinsamen Geburtstag stieg sie irgendwo im Zentrum unserer Stadt aus der Tram aus und übersah dabei ein rasendes Auto. Rasen ist eben eine Vorliebe der Russen. Sofort tot. Ganz einfach.

Ich schreibe darüber hier am Anfang, weil ihr Tod damals das war, was mich zum Leben erweckt hatte. Wenn man natürlich unterm Leben das Selbstreflektieren und Deprimiertsein versteht.

Na ja. Gewiss war mein Leben nicht bloß Selbstreflektion und Abfolgen von Depressionen. Aber mit dem Irinas Tod fing irgendwie alles an. Mein Trauern, mein Fühlen, mein Denken. Mein Lieben. Ich liebe, also bin ich. Vor allem dann, wenn ich weiß, dass das Objekt meiner Liebe die Eigenschaft hat, plötzlich für immer zu verschwinden. Genau so wie auch ich selbst.

Deswegen schreibe ich. Um wenigstens etwas von uns in dieser kleinen Welt nach unserem Verschwinden bleiben zu lassen. Ein bisschen Liebe. Ein bisschen Leben…

Ich werde die Blätter durchnummerieren, damit jemandem später nicht in den Sinn kommen kann, meine Gedanken umzusortieren. Durchnummerieren und beschreiben. Dann lese ich meine Geschichte ein Mal in Ruhe durch, um diesen letzten Abschnitt meines Lebens im Gedächtnis festzuhalten, und tue dann das, was meine Freundin und mich auf jeden Fall ein wenig glücklicher machen wird.

Aber zuerst noch ein Mal lesen…


Juli 2006

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