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Michael Schleicher

Angst
eine Komposition für zwei Stimmen


„Wovor hast du am meisten Angst?“

„Hm?“

„Wovor du am meisten Angst hast.“

„Warum?“

„Warum nicht?“

„Okay… Jetzt oder überhaupt?“

„Überhaupt. Und jetzt eigentlich auch.“

„Überhaupt… dass du frühzeitig sterben würdest.“

„Ich? Sterben? Kleines… Ich werde nie sterben. Nicht solange du es nicht willst.“

„Danke, Großer.“

„Nicht dafür… Und jetzt?“

„Jetzt hab ich Angst schwanger zu sein.“

„Ach so… Immer noch. Das brauchst du aber nicht… Na ja… Mal sehen natürlich, was uns die nächste Woche bringt. Du brauchst aber trotzdem keine Angst zu haben. Ist nicht schlimm.“

„Warst du schon mal schwanger?“

„Aber du doch auch noch nicht!“

„Genau. Noch nicht. Aber ich weiß auf jeden Fall besser als du, was es bedeutet schwanger zu sein.“

„Warum?“

„Ich bin eine Frau verdammt noch mal!“

„Ach sooo…“

„Dummkopf.“

„Aber doch ein süßer Dummkopf, was?“

„Ja, ein süßer Dummkopf.“

„Danke.“

„Nicht dafür.“

„Hast du immer noch Angst?“

„Ja.“

„Warum? Ich sterbe doch nicht. Und du bist ganz bestimmt nicht schwanger.“

„Muss ich jetzt überhaupt keine Angst mehr haben?“

„Ja.“

„Du meinst wohl nein… Okay… Aber ich habe trotzdem noch Angst.“

„Tja, das ist das Problem. Wenn alles kacke läuft, hat man Angst vor dem, was gerade passiert. Wenn aber alles mehr oder weniger okay ist, hat man Angst vor dem, was alles noch passieren könnte. So oder so, es ist die gleiche Scheiße. Und zwar bei allen. Ich hab ja auch ständig irgendwelche Ängste.“

„Du? Wovor hast denn du Angst?“

„Na ja, ich hab viele Ängste. Vielleicht mehr als du. Zum Beispiel vorm Telefonieren. Das weißt du.“

„Stimmt. Aber das ist doch keine richtige Angst. Das musst du einfach üben. Und genau das tust du nicht!“

„Und genau deswegen ist es eine ganz richtige Angst. Denk nicht, dass du allein hier richtige Ängste hast. Außerdem hab ich Angst, dass diese Dinger mit Farbe kaputt gehen, wenn ich mich im Anproberaum umziehe. Weißt du: die sind so durchsichtig und mit zwei kleinen Kolben drinnen: schwarz und gelb. Die Konstruktion sieht so zerbrechlich aus, dass ich mich manchmal nicht traue, die Kleidung in den Anproberaum mitzunehmen. Weil, wenn ich es aus Versehen kaputt machen würde, würde ich sofort voll mit Farbe beschmiert sein, und alle, alle in dem verdammten Laden würden denken, ich wollte die Scheißklamotten klauen!“

„Ist es wirklich das, wovor du dich am meisten fürchtest?“

„Nein.“

„Warum erzählst du dann so was?“

„Weil das, wovor ich mehr Angst habe, genau so blödsinnig ist wie das hier.“

„Na gut. Wovor hast du mehr Angst?“

„Davor, dass man einmal entdecken würde, ich bin kein guter Designer.“

„Bist du denn kein guter Designer?“

„Ich bin ein fürchterlicher Designer. Aber ich verdiene damit Kohle. Und zwar seit vielen Jahren schon. Bin als Designer angestellt, führe sogar zuhause ständig irgendwelche Aufträge aus, die von außen kommen. Die Menschen, mit denen ich zusammen arbeite – meine Kunden, projektbezogene Programmierer, sogar andere Designer – all die Menschen glauben, ich sei so einer, der seinen Job überaus mag und bestens beherrscht. Aber irgendwann muss es ja rauskommen. Was bin ich dann auf einmal? Gar nichts bin ich. Und genau davor hab ich Angst.“

„Aber warum denkst du, dass du ein schlechter Designer bist?“

„Na schon darum, dass ich das Designmachen hasse! Es gibt, glaub ich, nichts in meinem Leben, was ich mehr gehasst hätte als das, und jedes Mal, wenn ich einen Anruf kriege und jemand zu mir sagt, er habe einen Auftrag für mich, sträubt sich alles in mir und ich habe das Gefühl, ich muss kotzen und an die frische Luft gehen. Am besten dorthin, wo man gar kein Design braucht. Weder Web noch Print noch Entwickeln von irgendwelchen bescheuerten Logos.“

„Und warum machst du es dann nicht?“

„Was? Kotzen? Mach ich doch!“

„Nein. An die frische Luft gehen. Was anderes machen. Einen anderen Job.“

„Aber ich kann ja nichts anderes!“

„…Weißt du was… Einmal waren wir zusammen in einem Einkaufszentrum… Weiß nicht mehr wo. Entweder im Schloss in Steglitz oder in den Schönhauser Allee Arcaden. Wir sind die Rolltreppe nach oben gefahren, und von da aus habe ich die runden Tische und Stühle eines Cafés unten in der leeren Halle gesehen. Von oben sahen sie aus wie aufgeblühte Blumen mit Blütenstempeln aus kleinen Vasen und mit Staubfäden aus Zuckerstreuern und Aschenbechern. Es war so minimalistisch und schön, dass ich auf einmal gedacht habe, es ist wie manche Web-Seiten und Flyer, die du gemacht hattest. Ich habe gedacht, es könnte von dir sein!“

„Was willst du damit sagen?“

„Ich will damit sagen, dass du dir überhaupt keine Gedanken darüber machen musst, was deine Designkenntnisse angeht. Du bist ein guter Designer und basta. Andererseits ist es bestimmt sehr gut, dass du dir Gedanken machst und nicht gleich denkst, du bist der König der Welt. Ich hab genug Menschen gesehen, die genau so blöd wie selbstbewusst waren.“

„Ja, ja, die gibt es in meinem Beruf mehr als genug.“

„Hab ich dich ein bisschen beruhigt?“

„Keine Ahnung. Das geht nicht so schnell. Manchmal weiß ich halt nicht, was ich in Wirklichkeit will und was ich bin, das ist das Problem.“

„Das kenn ich, glaub ich, auch. Willst du wissen, wovor ich am meisten Angst habe?“

„Schieß los, Kleines.“

„Vor Einsamkeit. Nicht vorm Alleinsein, sondern vor der wirklichen Einsamkeit. Ich habe Angst, dass alle Verwandten und Freunde mich verlassen würden und ich ganz allein auf dieser Welt bleibe.“

„Deswegen auch das mit dem Frühzeitigsterben?“

„Das wäre das schlimmste. Möchtest du noch ein Eis?“

„Hm. Weiß nicht.“

„Ich bring dir trotzdem eins mit, mein Bär.“

„Fortsetzung folgt?“

„Aber ja!“

„Möchtest du wissen, wovor ich jetzt Angst habe?“

„Was?“

„Ob du wissen möchtest, wovor ich jetzt Angst habe.“

„Ich höre dich hier schlecht.“

„Wir vögeln zu wenig!“

„Ach was. Hier ist dein Eis.“

„Danke. Ich habe Angst davor, dass wir manchmal nur ein Mal pro Woche vögeln. Soll ich weiter erzählen?“

„Nur zu.“

„Ich hatte mit russischen und deutschen Mädchen gevögelt und hab das Gefühl, die Russinnen wollen immer Sex, jeden Tag, vielleicht fast jeden Tag. Die Deutschen dagegen nicht. Sie wollen einfach keinen Sex! Sie brauchen keinen Sex! Warum?“

„Tja. Als Russe könntest du jetzt sagen: Die Scheißkapitalisten, die haben’s nicht nur dazu gebracht, dass ihre Kinder ständig zuhause rumhocken, sondern auch noch, dass ihre Frauen keinen Sex mehr haben wollen! Stimmt ’s?“

„Genau! Und deswegen gibt es bald keine Kinder und somit auch das erste Problem nicht mehr. Und Männer werden nur noch miteinander poppen. Und in ein paar Jahren wird es dann selbst den Kapitalismus nicht mehr geben. Dafür aber mehr Platz für die Chinesen. Wenigstens sie können ’s noch richtig.“

„Nazi.“

„Wer?“

„Du!“

„Ich? Ein chinesischer Nazi?“

„Nein doch! Ein russischer!“

„Na gut, damit kann ich leben.“

„Dummkopf!“

„Das hatten wir schon.“

„…Du, Großer?“

„Ja?“

„Ich bin aber trotzdem nicht so wie die anderen deutschen Frauen, oder?“

„Du doch nicht. Das mit dem Sex… Ich hab doch gesagt: manchmal. Meistens ist es ganz toll bei uns, besonders dann, wenn wir es doch mal machen. Und du – du bist sowieso viel, viel besser, schöner, klüger und sexueller als alle anderen russischen und deutschen Frauen zusammengenommen.“

„Danke.“

„Nicht dafür. Was mir ein wenig Angst macht, ist dieser Gedanke: Wenn wir jetzt schon manchmal so wenig Sex machen, was wird daraus in einem Jahr? Und in zwanzig Jahren?“

„Ich glaub, wir werden es schon irgendwie hinbekommen.“

„Bist du dir sicher?“

„Jepp! Das ist ein Gefäß, welches nicht so schnell leer werden kann.“

„Dann bin ich jetzt wirklich beruhigt. Abgesehen davon… ich kann mir mich selbst in zwanzig Jahren sowieso kaum vorstellen. Irgendwie ist es alles ziemlich erschreckend.“

„Du und die Zukunft?“

„Ja.“

„Also hast du Angst vor der Zukunft?“

„Ja, so kann man es auch sehen. Aber nicht immer. Manchmal hab ich auch Angst vor der Vergangenheit.“

„Geht das?“

„Und ob! Zum Beispiel wenn ich an deine Exfreunde denke. Ich verstehe, dass es blödsinnig ist und dass du auf jeden Fall mehr Ansprüche darauf hättest, eifersüchtig zu sein. Schon deswegen, dass ich, amtlich gesehen, immer noch verheiratet bin. Aber ich kann trotzdem nichts dagegen machen.“

„Hast du Angst vor ihnen als Menschen oder davor, dass ich mit einem von ihnen wieder zusammenkommen könnte?“

„Beides nicht. Ich habe Angst vor dieser Zeit selbst. Vor dieser Zeit, als du mit jemand anderem glücklich warst!“

„Ich war mit keinem anderen so glücklich wie mit dir, das weißt du.“
„Ja, ich weiß, Kleines. Danke dir.“

„Aber nicht dafür, mein Großer.“

„Ein besseres Beispiel. Ich muss mich oft an die Zeit erinnern, als ich noch ganz allein in der Ringbahnstraße gewohnt habe, nach dem mich meine Frau verlassen hatte. Ich wachte beim Dröhnen der Flugzeuge auf, putzte unter der Dusche die Zähne und dachte an diese Welt, in der ich nie wieder glücklich sein werde. Vom Flughafen ließen sich alle zehn Minuten Menschen in die Luft aufheben und irgendwohin bringen. Durch das Fenster in der Küche guckten mich aus den vorbei fahrenden Bussen Touristen an. Und ich selbst hatte nicht mal die Kraft, morgens auf die Straße zu gehen und zur Arbeit zu fahren. Ich blieb wochenlang Zuhause und schickte meinem Chef merkwürdige E-Mails über verdorbene Pizzas, kaputtes Knie, rausgefallene Zahnfüllungen und Depressionen, die sich wie eine Schlange in die Länge ziehen. Irgendwann hat es nachgelassen, aber es war trotzdem eine überaus schreckliche Zeit, als ich noch ganz allein in der Ringbahnstraße gewohnt habe.“
„Hast du also Angst, sie würde wieder kommen?“

„Nicht ganz. Ich habe Angst davor, dass ich dich damals hätte auch nicht treffen können. Wenn ich nur daran denke, wird mir kalt und übel. Denn ich fühle einfach mit meinen Haar- und Fingerspitzen, wie zufällig und ungesichert unsere Begegnung war. Zwei kleine Menschen, die in den weit voneinander entfernten Ecken einer großen Stadt lebten. Die nicht mal dieselbe Muttersprache sprachen. Und stell dir das vor: Wir hatten uns damals wirklich nicht getroffen, und unser Leben verläuft immer noch getrennt weiter. So wie es zuvor gewesen war. Hand in Hand mit dieser Zeit, in der ich noch ganz allein in der Ringbahnstrasse gewohnt hatte.“

„Mir wird kalt und übel.“

„Das ist das.“

„Vielleicht sollten wir einfach damit aufhören, kiloweise Eis zu futtern?“

„Stimmt, vielleicht liegt es daran.“

„… Und alle unsere Ängste sind gar nicht wahr?“

„Nun ja, könnte natürlich auch sein.“

„Das wäre schön.“

„Das wäre schön… Aber wenn alle unsere Ängste nicht wahr sind, sind wir selbst dann immer noch wahr? Vielleicht bestehen Menschen eben aus Ängsten und ohne die sind sie nicht mehr da? Oder vielleicht sind wir auch bloß irgendeine Angst von irgendjemandem? Und wenn wir nicht wirklich sind, dann gibt es auch ihn nicht? Wenn es so ist, was ist dann überhaupt real? Gibt es sie überhaupt, die Realität? Was denkst du?“

„Ich denke, wir sollten schlafen. Ich weiß nicht, was Realität ist und was es nicht ist. Ich weiß nur eines: Wenn du bei mir bist, bist du ganz schön real. Und ich bin es auch. Und morgen muss ich ganz real in die Uni. Und du zur Arbeit…“

„Ja, das ist schon wahr, das ist schon wahr. Aber irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass wir gar nicht sind. Das würde nämlich von Vielem befreien. Vielleicht sind wir beide nur Figuren in einer Kurzgeschichte, wir haben nicht mal Namen oder Beschreibungen, sondern nur kahle ungekleidete Stimmen, mit denen wir versuchen, die Gefühle des Autors auszudrücken. Hast du auch manchmal das Gefühl, etwas zu sagen, was du eigentlich nicht meinst? Ich schon… Wenn das so ist, wenn es uns nicht gibt, dann ist es auch ziemlich erschreckend, was?“

„Ja, mein Bär. Das ist das. Gute Nacht, mein Süßer.“

„Na gut, schlaf schön, mein Mädchen. Und lass einen chinesischen Schmetterling in deinem Traum erscheinen. Und mich auch.“

„Werde ich ganz bestimmt.“

„Okay, dann… gute Nacht.“

„Gute Nacht…“

„Gute Nacht…“


September 2006

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